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Spex Magazine is a popular German rock and pop culture magazine headquartered in Berlin, Germany.

No. 322 (Sept/October 2009)Edit

»Die Rockgöttin, die ich in Zukunft sein werde …!«
Text: Jan Kedves

Erst die Blondierung, dann der Durchbruch: Die 23-jährige Stefani Joanne Angelina Germanotta, bekannt als Lady Gaga, straft alle Kritiker Lügen, die die Pleite der Popkultur herbeireden. Die modebewusste Newcomerin hat von ihrem Debütalbum »The Fame« 2,5 Millionen Kopien verkauft und sagt von sich, wenn sie einen Song komponiere, denke sie parallel immer schon an das korrespondierende Outfit. Mitte Juli in Köln: Am Abend wird Lady Gaga im Palladium mit den Stöckeln ihrer Lackpumps auf einem Plexiglaspiano eine Akustikversion ihres Hits »Poker Face« spielen. Vorher sitzt die New Yorkerin im Leopardenblazer auf der Dachterrasse eines Luxushotels und spricht über ihre visuelle Strategie – über Thierry Mugler, Andy Warhol und Jean-Jacques Rousseau. Vor dem strahlenden Blau des Himmels gehen die Kontur ihrer rosagesträhnten Perücke und die Türme des Kölner Doms eine Verbindung seltsam installativen Charakters ein.

Lady Gaga, die Farbe Ihres Lippenstifts – ist das Barbie-Pink?
    Fast. Wir nennen es ›Synthetisch Pink‹.

Wie ›Preußisch Blau‹? Diesen Namen haben Sie sich ausgedacht?
    Selbstverständlich. Wir sind sehr genau, was die Farbpalette von Lady Gaga angeht. Es gibt natürlich Schwarz, Rot, Pink und noch ein paar andere Farben. Aber wenn wir von ›Pink‹ sprechen, kann es unmöglich einfach nur Pink sein – das Wort ist viel zu unspezifisch. Es hat keine Perspektive, es klingt nicht plastisch genug. Zu Lady Gaga passt nur ›Synthetisch Pink‹.

Sie sprechen von ›Wir‹. Sie meinen Ihr ›Haus of Gaga‹?
    Korrekt. Das ist mein Kreativteam. Im Haus of Gaga arbeiten Grafikdesigner, Sounddesigner, Setdesigner. Sie sind alle jung – niemand ist älter als 26 – und sie alle teilen meine Vision. An vorderster Stelle mein Designer Matthew Williams, genannt »Dada«. Er entwickelt mit mir meine Outfits und Accessoires, wir planen gemeinsam, in welche Richtung sich Stil und Farbpalette entwickeln sollen.

Nach welchen Kriterien definiert sich die Farbpalette von Lady Gaga?
    Das Thema ist Opaleszenz – ein ganz bestimmtes plastisches Schimmern. Es entsteht durch die Brechung von Licht. All die Luftblasen, Kristalle, Plexiglas-Prismen und Spiegelscherben, die auf meinen Bühnenoutfits und Accessoires appliziert sind, erzeugen diesen plastikartigen Glanz, der meinen Look definiert. Dazu passt am besten ein David-LaChapelle’sches Farbspektrum: Türkis, Lavendel, Synthetisch Pink. Manchmal machen wir Witze und sagen, meine Ästhetik sei die einer verdrogten Märchenprinzessin.

Wann haben Sie begriffen, wie wichtig Stil und eine konsequente Ästhetik für eine Karriere im Popgeschäft sind?
    Es ist nicht so, dass Stil für mich nur als Musikerin wichtig ist, er hat mein Leben schon immer bestimmt. Als ich zur Highschool ging, musste ich eine Uniform tragen – eine schwere Zeit für ein theatralisches Mädchen wie mich. Ich ging auf eine Mädchenschule, das Convent of the Sacred Heart in Manhattan …

… dieselbe Privatschule, die auch Paris und Nicky Hilton besuchten.
    Genau, und dort wurde ich immer verspottet, weil ich mich trotzdem jeden Tag zurechtmachte. Doch was sollte ich tun? Ich habe eben schon immer viel Wert auf Glamour gelegt. Und das hieß für mich damals: Sonnenbrillen, Schlüpfer über Netzstrumpfhosen, hochhackige Schuhe, BHs, Blousons. Power-Schulterpolster nicht zu vergessen. Die sind enorm wichtig! Mein Lieblingsdesigner ist Thierry Mugler, er hat das Schulterpolster in den achtziger Jahren neu definiert. Und meine Lieblingsdesignerin ist Donatella Versace. Sie sehen: Es geht um Glamour. Ich komme nun mal aus New York, einer Stadt, die mit Stil und Mode hochgradig gesättigt ist. Wir New Yorker sind kopflose Fashion-Nutten. Eitelkeit ist für uns kein Schimpfwort. Wir geben uns glamourös, weil wir glauben, dass Glamour eine Projektion unserer Seele ist. Man könnte sagen: Lady Gaga war schon berühmt, bevor irgendjemand wusste, wer sie ist – schlicht aufgrund der Art und Weise, wie ich mich präsentierte.

Lady Gaga mit Tigerdogge und selbst designtem Vinyl-Catsuit in ihrem »Poker Face«-Video

Die Projektion wurde Realität?
    Genau. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass ein bestimmtes Image das Potenzial hat, das Leben zu verändern – wenn man es konsequent nach außen projiziert. Am besten lässt es sich mit dem Titel meines Debütalbums »The Fame« erklären: Das »The« ist sehr wichtig, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen ›Fame‹ und ›The Fame‹. ›Fame‹, also Ruhm, genießt man, wenn jeden Tag in der Klatschpresse über einen berichtet wird, wenn also jeder Mensch weiß, wer man ist. ›The Fame‹ genießt man, wenn einen noch niemand kennt, aber alle unbedingt wissen wollen, wer man ist. ›The Fame‹ ist also eine Strategie, sich wie ein Star zu präsentieren. Es ist ein kreatives Bewusstsein, eine künstlerische Sensibilität.

Sie müssen den Dokumentarfilm »Paris is Burning« kennen.
    Der Film ist meine Bibel! »Paris is Burning« war einer der ersten Filme, den Matthew und ich zusammen anschauten, als wir begannen, meinen Look zu entwickeln – er war unsere Inspiration. Der Film zeigt genau das, worum es bei Lady Gaga geht: um Menschen, die entschieden haben, Stars zu sein. Die Drag Queens und Voguer, die der Film zeigt, stammten aus der New Yorker House-Ball-Szene, sie lebten ihr Leben selbstbestimmt glamourös, obwohl sie kein Geld hatten und außerhalb ihrer Community unbekannt waren. Der Ballroom war der Ort, an dem sie sich berühmt fühlten. Bei den Balls kämpften sie um ›The Fame‹. Auch wenn ich keine Voguerin bin: Ich liebe und wertschätze diese Ur-New-Yorker Kultur, ihr Modebewusst sein und ihre Kreativität.

Haben Sie jemals Willi Ninja getroffen, den legendärsten Voguer der Szene und Gründer des House of Ninja?
    Leider nicht. Einige Outfits, die Matthew Dada für mich designt hat, sind aber inspiriert von Willi Ninja und seinem Stil. Ich weiß auch, dass Willi Ninja in New York Paris Hilton das Laufen beibrachte, als sie von Ford Models unter Vertrag genommen wurde – er arbeitete auch als Modeltrainer. Und wissen Sie was? Letztens hat mir jemand erzählt, dass es in Harlem, wo die New Yorker Vogueing Houses heute noch gegeneinander battlen, neuerdings auch ein ›House of Gaga‹ gibt. Ist das nicht großartig?

Ist das Ihrer Meinung nach der Beweis, dass Lady Gaga nicht mehr nur ›The Fame‹, sondern tatsächlich ›Fame‹ genießt?
    Absolut.

Kaum jemand weiß, dass Lady Gaga am Anfang ihrer Karriere noch nicht blond war.
    Stimmt. Meinen Plattenvertrag unterschrieb ich noch als Brünette. Ich trug einen Bouffant – eine Frisur wie Amy Winehouse. Jeder verwechselte mich mit ihr. Der Durchbruch gelang erst, als ich mich für blonde Haare entschied. So war es schon bei Madonna. Interessant, nicht?

Ist ›blond‹ überhaupt die richtige Bezeichnung für Ihre Haarfarbe?
    Nein, eigentlich nicht. Ich nenne sie Andy-Warhol-Weiß.

Sie sind ein großer Fan von Andy Warhol?
    Andy war der Größte! Wussten Sie, dass er niemals eines seiner Haarteile wegwarf? Er bewahrte jedes einzelne auf. Als er starb, fand man sie alle. Er puderte seine Haarteile sogar, um das Weiß noch zu unterstreichen – wie Karl Lagerfeld!

Apropos: Wie Karl Lagerfeld scheinen auch Sie die Kunst zu beherrschen, frühere Looks mit neuen Looks komplett zu überschreiben. Genauso wie man heute Lagerfeld nicht mehr als dicken Mann mit Fächer und Colaglas erinnert, kennt man Lady Gaga nicht mehr als Brünette, und mit jedem neuen Video überschreiben Sie Ihr Image ein Stück weit neu …
    Ich kann es Ihnen erklären: Ikonografie. Die Theorie der Wiederholung. Man muss den Leuten ein Image immer und immer wieder in den Kopf drillen, bis sie es nicht mehr vergessen. Wenn Sie sich Fotos aus dem ersten Jahr meiner Karriere anschauen – nach der Blondierung: Ich trug immer dasselbe Outfit. Es bestand aus einem schwarzen Vinyl-Catsuit, den Matthew Dada für mich designt hatte, sowie einem Blazer von Martin Margiela. Dazu Goldketten, ein Paar Lackstiefel von Burberry, mein weißer Pony und die schwarze Versace-Sonnenbrille. Dieses Outfit habe ich ein Jahr lang jeden Tag getragen, egal wo, egal wann, egal wie heiß es war. Wir legten ganz bewusst fest: Dieser Look ist ikonisch. An den kann man sich erinnern. So flog ich also um die Welt. Und es hat funktioniert: Inzwischen scheint es, als hätte ich die weiße Ponyfrisur und die schwarze Sonnenbrille erfunden – was lächerlich ist, denn weiße Ponys und Sonnenbrillen gibt es schon seit Ewigkeiten. Trotzdem habe ich mir beide so erfolgreich angeeignet, dass sie jetzt jeder mit Lady Gaga in Verbindung bringt. Wenn meine Fans meinen Kopf auf ein Banner malen, malen sie nicht mein Gesicht, sondern meinen Pony und meine Sonnenbrille. Ikonografie und Repetition!

Ist alles, was Sie tun, ikonisch?
    Natürlich. Damit will ich nicht sagen, dass alles, was ich tue, auch automatisch legendär ist. Das kann nur die Geschichte entscheiden. Aber wenn ich ikonisch sage, meine ich damit: Alles bei Lady Gaga ist durchdacht, theoretisiert und designt, um erinnert zu werden.

Wann starten Sie Ihre eigene Modelinie?
    Ich will nichts überstürzen. Natürlich gibt es Merchandise von Lady Gaga – aber Merchandise und Mode, das sind doch zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Ich bewundere Kanye West für seinen Mut, mit Pastelle sein eigenes Fashionlabel zu starten. Und ich wünsche Beth Ditto mit ihrer Übergrößenlinie viel Erfolg. Ich selbst bin mir aber noch unsicher. Um erfolgreich ein Modelabel zu starten, muss man nicht nur kreativ sein, man muss sich auch fürs Geschäftliche interessieren. Ich kümmere mich aber nicht ums Geld. Solange ich genug habe, um meine Outfits und meine Show bezahlen zu können, ist mir Geld egal.

Sie lassen lieber andere an Ihrem Look verdienen? Der um 25 Prozent gestiegene Verkauf von schwarzen Schlüpfern in Großbritannien in den letzten Monaten wird auf den Erfolg von Lady Gaga zurückgeführt.
    Das habe ich auch gehört – aber wer kann so etwas schon mit Bestimmtheit sagen? Ich würde es viel einleuchtender finden, wenn wir eine Kunstlinie herausbringen würden. Denn so sehe ich das, was wir machen, ohnehin: als Kunst. Wir entwerfen Mode, die in der Kunstwelt wahrgenommen wird – sie ist aber nicht käuflich. Wir entwickeln ein durchsichtiges Plexiglas-Klavier, das mit transparenten Plastik-Bubbles gefüllt ist, und dazu trage ich eine durchsichtige Jacke, die von oben bis unten mit den gleichen Luftblasen besetzt ist. Eine Installation!

Ist Ihr ›Disco-Stick‹ auch so eine Installation? Er sieht aus wie eine leuchtende Klobürste, gleichzeitig ist er die ikonischste Rock-Insignie, die die Popwelt seit langem gesehen hat.
    Viele Leute denken, es sei anmaßend, wenn eine Newcomerin gleich ein leuchtendes Kristallzepter schwingt. Aber genau darum geht es bei Lady Gaga: um die Behauptung von Fame. Zuerst schrieb ich den Song »Love Game«. Ich hatte einen Jungen nachts im Club mit dem Spruch angemacht: »Ich will auf deinem Disco-Stick reiten.« Daraus entwickelte sich der Song. Als es darum ging, das passende Outfit zu bestimmen, sagte ich zu Matthew Dada: »Ich brauche meinen eigenen Disco-Stick. Denn auch wenn ich singe: ›Ich will auf deinem Disco-Stick reiten‹, bedeutet es doch in Wirklichkeit: ›Ich wünschte, ich hätte meinen eigenen.‹« Sie verstehen, was ich meine? Penisneid.

Sie reden wie Grace Jones.
    Vielleicht haben Grace Jones und ich etwas gemeinsam? Jedenfalls wollte ich ein Accessoire, das zugleich feminine und maskuline Potenz auf der Bühne repräsentiert – und alle können dazu feiern! Und was machte Matthew? Er zeigte mir das Foto von einer weißen Lampe in einem schwarzen Raum und sagte: »Das ist deine Inspiration. Du hast nämlich noch keine Lightshow. Du musst deine eigene Lightshow sein!« Ich trat zu dieser Zeit jede Nacht in einem anderen Club auf, dort musste ich mit der jeweils vorhandenen Lightshow auskommen – ich hatte noch kein Geld, meine eigene Lightshow mitzubringen.

Das Accessoire wurde also auch aus einer Not heraus geboren.
    Genau. Hätten wir von Anfang an Geld gehabt, wären wir wohl nie auf die Idee zu dem Disco-Stick gekommen. Nicht auszumalen! Er macht so ein schönes Licht.

Mittlerweile sind Sie so erfolgreich, dass Sie mit »Paparazzi« ein Video drehen konnten, das vom Budget her und ästhetisch nahtlos an die Ära der großen Musikvideos Anfang der Neunziger anschließt.
    Das »Paparazzi«-Video ist inspiriert von Helmut Newton. Genauer gesagt: von einer Modestrecke, die er 1995 für Vogue fotografierte, »The Empowered Woman«. Für diese Strecke fotografierte Newton all diese wunderschönen Supermodels als Krüppel, mit Krücken und Halskrausen. Auf einem Motiv, »Invincible Woman«, trägt ein Model sogar Schienen am Bein. Sexy! Die Strecke erinnerte mich sofort an die Geschichte des kasachischen Supermodels, das im Juni letzten Jahres mit zwanzig Jahren aus dem neunten Stock eines New Yorker Hauses stürzte. Ruslana Korschunova. Sie starb einen mysteriösen Tod. Außerdem musste ich an Pornografie denken.

Pornografie?
    Ja, Pornografie ist – neben Mord – der verzweifelteste Schrei nach Aufmerksamkeit und Ruhm, den unsere Zeit kennt. Jean-Jacques Rousseau schrieb ja bereits 1762 in seinem Werk »Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes«, dass die Gesellschaft immer wieder in Zyklen verfällt.

Lady Gaga mit einem stark von Thierry Mugler inspirierten, aus der Frühjahr/Sommer-2007-Kollektion von Dolce & Gabbana stammenden Chrom-Kleid in ihrem »Paparazzi«-VideoUnd zu all dem passte dann das Vintage-Outfit aus Chrom von Thierry Mugler, das zuletzt 1992 vom schwedischen Supermodel Emma Sjöberg in George Michaels »Too Funky«-Video getragen wurde?
    Wie die Faust aufs Auge! Verkrüppelung, Glamour, Ruhm und Tod – darum geht’s in meinem »Paparazzi«-Video. Das Roboter-Outfit ist übrigens dasselbe Outfit, das auch eines der Models in Helmut Newtons Strecke trug. Es passte mir wie angegossen.

Beyoncé Knowles muss ziemlich sauer auf Sie sein – schließlich trug sie unter ihrem Alias Sasha Fierce zuletzt auch Vintage-Kostüme von Thierry Mugler.
    Warum sollte Beyoncé sauer auf mich sein? Sie hat doch kein Exklusivrecht auf Thierry Mugler! Sie hat sich jedenfalls nicht bei mir beschwert.

Lassen Sie uns auch über das Mai-Cover des amerikanischen Rolling Stone sprechen, das Sie mit David LaChapelle schossen.
    David LaChapelle und ich sind seit einem Jahr gute Freunde, ich nenne ihn meinen Pudel. Ich liebe David so sehr, dass ich fast heulen muss, wenn ich seine Bilder sehe. Die Art und Weise, wie er in ihnen die Ästhetik Botticellis mit Images der Popkultur verknüpft, wie er in ihnen die Makel der Celebrities preisgibt und sie gleichzeitig heiligspricht – das ist einfach brillant! Ich sage immer: David LaChapelle ist der Andy Warhol unserer Generation.

Für das Cover fotografierte er Sie nackt.
    Nur in Plexiglaskugeln gekleidet, alles ist rosa, und ich trage eine Perücke mit krausem blonden Afro. So hat man mich noch nie gesehen! Ich sagte zu David: »Ich will nicht, dass du mich so fotografierst, wie ich gerade aussehe. Ich will, dass du mich als die Rock-Göttin zeigst, die ich in Zukunft sein werde. Ich will, dass du die Lüge zur Realität werden lässt.« Das hat er getan.

Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung?
    Genau. Und wissen Sie was? Vor kurzem habe ich in Paris in einer Ausstellung Andy Warhols letztes Gemälde gesehen, es trägt den Titel »Raphael Madonna, $6,99«. Es ist Raphaels berühmtes Madonnenbild, auf dem Maria den kleinen Jesus hält, Warhol hat es dupliziert und mit einem Preisschild versehen: $6,99. Das war sein Kommentar zu Merkantilismus und klassischer Kunst. Danach starb er. Was mich aber noch mehr an dem Bild faszinierte: Warhol verwandte opaleszente Töne – Türkis, Rosa. Meine Farbpalette! Und David LaChapelles Farbpalette! Als ich das sah, fing ich an zu weinen. Ich rannte aus der Ausstellung und rief sofort David LaChapelle an. Ich schrie in mein Blackberry: »David, David – ich sehe dich! Ich sehe dich!«

Wie reagierte er?
    Er fragte: »Was redest du da, Gaga?« Ich erklärte ihm, dass ich gerade Warhols letztes Bild gesehen habe und dass es mich genau an seine Bilder erinnere – dass sein kreatives Bewusstsein also auf magische Weise mit dem des späten Warhol synchronisiert sei! David sagte nur: »Interessant, dass du das sagst, Gaga – denn ob du es glaubst oder nicht: Ich war dabei, als Andy dieses Bild malte.«

Article by Jan Kedves

No. 333 (July/August 2011)Edit

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am Tag der Drucklegung dieses Hefts verstarb in New York im Alter von 62 Jahren Gil Scott-Heron. Ein Verlust, der umso schmerzlicher ist, weil der »Godfather of Rap« 2010, vierzig Jahre nach seinem zur viel zitierten Protest-Ikone gewordenen Song The Revolution Will not Be Televised, mit seinem Comeback-Album I’m New Here Hoffnung auf weitere, ähnlich deepe Spätwerke weckte. Rest in peace, Gilbert.

»Es werden keine Protestsongs mehr geschrieben«: Mit diesen Worten eröffneten wir – plakativ, aber so sollte es sein – den Schwerpunkt unserer letzten Ausgabe zur merkwürdigen Abwesenheit politischen Bewusstseins im aktuellen Pop, vor allem dem deutschsprachigen. Die Süddeutsche Zeitung, Zeit Online und diverse Blogs griffen das Thema auf, der Einsendeschluss für unseren in Kooperation mit ByteFM gestarteten Protestsong-Contest war am 6. Mai. Wie es weiterging, steht auf den Seiten 18-21.

Zwei Sommer ist es her, dass LADY GAGA in Spex von sich als »die Rockgöttin, die ich in Zukunft sein werde« sprach (Mode-Interview Heft #322). Eine self-fulfilling prophecy! Nun ist die Sängerin Titelheldin dieser Ausgabe und Gegenstand einer Roundtable-Diskussion, an der sich u.a. die amerikanische Gender-Forscherin Judith Jack Halberstam und Georg Seeßlen beteiligt haben. Letzterer erkennt in Gaga eine soziale Skulptur nach Beuys. Besonders stolz sind wir, die Titelstrecke mit Fotografien des Künstlers Wolfgang Tillmans bebildern zu können. Sie entstanden, als Tillmans im Sommer 2010 mit Gaga einen Nachmittag im Duisburger Lehmbruck-Museum verbrachte.

Alles neu macht der Mai, so heißt es, und doch schienen Teile unserer Leserschaft überrascht, als unsere Mai/Juni-Ausgabe in neuem Layout erstrahlte. Das Feedback war enorm, jedoch zeigte sich wieder einmal die Diskrepanz zwischen klassischer Einszu-eins-Kommunikation und Distanzschüssen aus den sozialen Netzwerken: Während uns konstruktive, detaillierte Kritik und Lob vor allem per E-Mail oder als klassische Papierpost erreichten, übte man sich auf Twitter und Facebook munter im Trollen. Ein User, dessen Name nichts zur Sache tut, sah sich sogar zur Forderung genötigt, unser Art Director möge sich etwas antun. Please!

Dies ist die 333. Ausgabe der Spex. Führende Numerologen wollen herausgefunden haben, die Ziffer 3 stehe für Ursache, für Selbstausdruck, aktiven Handlungswillen und Spannung. Aber auch ohne Zahlenforscher-Gedöns ist es natürlich eine schöne Zahl.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Die Redaktion

LADY GAGA NATÜRLICH!
Fotos - Wolfgang Tillmans

Seit Wochen dominiert LADY GAGA mit ihrem Album Born This Way nicht nur die Charts, sondern auch die Diskussionen. Worin genau besteht die Politik ihrer All-Over-Inszenierungen, und ist die Musik der 25-Jährigen dabei nur Nebenschauplatz oder Dreh- und Angelpunkt? In einer mit Judith Jack Halberstam, Georg Seeßlen, Victor P. Corona und den Autorinnen des amerikanischen Blogs Gaga Stigmata treffend besetzten Expertenrunde erörtern Oskar Piegsa und Jan Kedves das System Gaga. Anschließend hört sich Kedves Born This Way noch einmal genauer an und erkennt darin einen Beleg für Bret Easton Ellis’ Theorie des Post-Empire. Zum Schluss schreibt Philipp Ekardt über die verblüffende Natürlichkeit der hier abgedruckten Fotografien, die Wolfgang Tillmans im Sommer 2010 mit Lady Gaga im Duisburger Lehmbruck-Museum und dessen Park aufnahm.

DAS KLÄRENDE GESPRÄCH ÜBER LADY GAGA »Ihr großer Vorteil besteht in ihrer vollkommenen Durchschaubarkeit…«
Fragen und Interview-Collage - Jan Kedves und Oskar Piegsa

Am transatlantischen E-Mail-Roundtable diskutieren: die amerikanische Englisch-Professorin und Queer-Theoretikerin JUDITH JACK HALBERSTAM; der amerikanische Kultursoziologe VICTOR P. CORONA, Verfasser des im März im Journal of Popular Culture erschienenen Essays Memory, Monsters, and Lady Gaga; der Spex-Autor und Filmwissenschaftler GEORG SEEßLEN; sowie die beiden Betreiberinnen des Blogs Gaga Stigmata, die Performance-Künstlerin KATE DURBIN und die Literaturwissenschaftlerin MEGHAN VICKS.

HEILIGE SCHEISSE »Born This Way« kündet vom Post-Empire-Pop
Text - Jan Kedves

HINGABE AN DIE OBERFLÄCHEN Wolfgang Tillmans fotografiert Lady Gaga
Text - Philipp Ekardt

Wolfang Tillmans fotografiert Lady gaga - das ist die Kollaboration zweier Künstler, deren Ästhetiken kaum unterschiedlicher sein könnten.

Photography by Wolfgang Tillmans (Taken on May 24, 2010), articles by Jan Kedves and Oskar Piegsa, Jan Kedves, Philipp Ekardt
Release — June 15, 2011
Universal Product Code (UPC) — 4199151605502

No. 348 (October 2013)Edit

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